16 Lehrkräfte aus dem Kanton drücken in den Ferien freiwillig die Schulbank. Sie lernen, flexibel auf die unterschiedlichsten Menschen und Situationen zu reagieren. Den Kurs führt Helga Deussen nach der Methode des Neurolinguistischen Programmierens (NLP).
RITA BOLT RBOLT@TAGBLATT.CH
Wer die "Oase des Lernens" betritt - so nennt Helga Deussen an der Seminarstrasse 6 in Gossau, ihre Praxis - ist angenehm überrascht: Ein gemütliches oranges Sofa, dazu passende Vorhänge und Pflanzen. Der Raum ist hell. "Meine Klienten sollen sich hier wohl fühlen."
Für einmal sitzen nicht Schülerinnen und Schüler auf der Schulbank, sondern Lehrerinnen und Lehrer. In der letzten Woche der Sommerferien schliessen 16 Lehrkräfte aus verschiedenen Schulstufen ihre Ausbildung als "NLP-Practitioner" bei Helga Deussen - sie ist Ausbilderin mit eidgenössischem Fachausweis - ab. Der Kurs dauert 20 Tage und findet an Ferientagen statt. Die Ausbildung als "NLP-Practitioner" ist ein Angebot der Lehrerfortbildung des Kantons St. Gallen. "Eine einmalige Chance, die speziellen Anliegen von Lehrpersonen zu berücksichtigen", erklärt die Kursleiterin, die selber Lehrerin ist, und erzählt, dass sie die Beziehung Lehrkraft-Schüler schon immer fasziniert habe. Aus eigener Erfahrung kenne sie die Sorgen und Nöte der Lehrpersonen.
Ziel des Kurses ist, die Verständigung zu verbessern und neue Lernmethoden in Lernprozesse zu integrieren. "Die traditionellen Wege der Wissensvermittlung und Wissensverarbeitung reichen nicht mehr aus, anstehende Lernprozesse zu bewältigen", sagt Frau Deussen. Mentalmethoden gehörten gemäss neuer Erkenntnisse der Hirnforschung zu neuen Lernmethoden. "Mit der Methode NLP wird die Lehrkaft darin geschult, nebst der Inhalts- auch die Prozess- und Beziehungsebene des Lernens differenziert wahrzunehmen", erklärt Helga Deussen. "So können geschulte Lehrkräfte verfeinert wahrnehmen, können ihre Schüler in deren Weltbild verstehen, eine andere Art des Zugangs zu ihnen praktizieren und angemessen auf die unterschiedlichsten Verhalten reagieren." Durch sorgfältige Wahrnehmung könnten Lehrkräfte viel darüber erfahren, wie ein Kind sich in der Welt des Lernens orientiert. Wie aber kann Wahrnehmung geschult werden? Frau Deussen erklärt: "Wir erfahren die Welt über unsere fünf Sinne: Sehen, Hören, Berühren/Empfinden, Schmecken und Riechen. Wir geben den wahrgenommenen Informationen Sinn und Bedeutung und handeln dementsprechend." Die Wahrnehmung steuere die Gedanken und Reaktionen, meist würden sich daraus Muster entwickeln. "Wir sind programmiert. Unsere Programme können jedoch auch umgesteuert und verändert werden." Helga Deussen nennt ein Beispiel: "Eine Lehrkraft, die in der Regel aufbrausend reagiert, wenn sie sich von der Klasse genervt fühlt, kann lernen, gelassen zu bleiben und ein angemesseneres Verhaltensrepertoire zu entwickeln." Ebenso wichtig wie die Wahrnehmung ist die Verständigung: Der linguistische Teil des NLP nutzt die Tatsache, dass die Menschen meist die Sprache verwenden, um sich auszudrücken. "Die in der Sprache enthaltenen, den Menschen nur zum Teil bewussten Informationen ermöglichen es, passend auf unterschiedlichste Menschen und Situationen zu reagieren. Das Resultat ist eine verbesserte Kommunikation", sagt Helga Deussen. "Lehrkräfte, die sich das Wissen und die praktischen Fähigkeiten von NLP angeeignet haben, können mit ihren Schülern klarer kommunizieren, und sie können Lernstrategien vermitteln." Oft sei es möglich, eingeengte Kreativität bei Schülerinnen und Schülern wieder freizusetzen. Auch eröffneten sich Lehrkräften eine Reihe spezifischer und methodischer Zugänge, die Schülern zu besseren Leistungen verhelfen. NLP sei in der Lehrerfortbildung seit Jahren bekannt. Viele Lehrkäfte besässen Grundkenntnisse in dieser Methode und bezögen bereits Grundelemente in die Unterrichtsmethodik und Klassenführung mit ein.
Die Lehrkräfte, die den NLP-Kurs absolviert haben, hätten nicht nur Theorie gebüffelt. "Sie haben in ihren Klassenzimmern geübt, sie haben sich zu Übungsgruppen formiert und in ihrer Freizeit das neu Gelernte umgesetzt und gefestigt", windet Helga Deussen den Lehrkräften ein Kränzchen. "Ich bedaure, dass wir schon am Ende der Ausbildung sind, es war ein tolles Erlebnis."
Das Neurolinguistische Programmieren ist nicht den Lehrkräften vorbehalten. Kunden sind auch Schülerinnen und Schüler mit den verschiedensten Problemen wie beispielsweise Prüfungsangst, Konzentrationsschwächen. Auch erwachsene Berufsleute suchen die "Oase des Lernens" auf. "Menschen mit Lernschwierigkeiten leiden darunter, dass ihre schulischen oder beruflichen Leistungen nur sporadisch vorhanden sind oder permanent unter dem Durchschnitt liegen, obwohl sie einen beachtlichen Aufwand an Zeit und Energie aufwenden, um die angestrebte Leistung zu erbringen." Mit NLP liessen sich effiziente Strategien für Lehrende und Lernende analysieren und entwickeln. rb.